"Was bekannt ist, darum noch nicht erkannt"
Hegel

Die Grundschwierigkeit im Verständnis der Gnoseologie von Dr. Steiner besteht in der Regel in der Übertragung darauf der Anbetung seiner geistigen Forschungen, die es unmöglich, aber auch rechtswidrig ist, kritisch zu erforschen. Wogegen die kritische Einstellung in der Erforschung der Erkenntnistheorie ist durch die Spezifik des Gegenstandes selbst prinzipiell bedingt. "Die Erkenntnistheorie kann nur eine kritische Wissenschaft sein. Ihr Objekt ist ja ein eminent subjektives Tun des Menschen: das Erkennen, und was sie darlegen will, ist die Gesetzmäßigkeit des Erkennens. Von dieser Wissenschaft muß also alle Naivität ausgeschlossen sein" (1,s.29).

Dabei muss das richtige Verhalten zur Erkenntnistheorie von Dr. Steiner die Spezifik ihrer Genesis - die übereinstimmung mit dem aristotelischen kognitiven Persönlichkeitstyp - berücksichtigen.
Bekanntlich herrschte der aristotelische kognitive Persönlichkeitstyp in allen Dominions der Kultur bis zur zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Seit sechziger Jahren gab er aber seine Positionen allmählich dem anderen kognitiven Typ, der vom Dr. Steiner als platonischer bezeichnen wurde, nach. Dr. Steiner ersah die Aufgabe der Platoniker in weiterer Entwicklung seiner Gnoseologie, die ihr die Ganzheit und Faßbarkeit der menschheitlichen Erkenntnisgrundlage vermittelt.
                                                       
       

"Einer hat es sein müssen, keiner hat es sein wollen. So habe ich mich dazu hergegeben."
Arnold Schönberg


Diese Aufgabe soll die "Wissenschaft und Wahrheit" zustande bringen, viele von deren Lagen wurden von mir etwa dreißig Jahre unter Leitung von Dr. Steiner entwickelt. Seit 1967 begann er, mir bei der Arbeit an der "Grundlinie einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung" zu helfen: öffnete schwierige Stellen und erklärte, dass alles, was er damals aus irgendwelchen Gründen nicht äußern konnte, sich zwischen den Zeilen der Schrift befindet. Und dieses Ungesagte musste ich begreifen.
Ich teilte meine Offenbarungen nur mit engsten Freunden, und in kurzer Zeit wurde mit der Zusammenarbeit an den Büchern zur Erkenntnistheorie von Dr. Steiner spontan begonnen. Wir waren vier: Merab Kostava, Zviad Gamsachurdia, Tamara Dmitrijevna Sadradze, der die Garantin der Sankt Petersburger anthroposophischen Gesellschaft Elisaveta Wasiljevna Dmitrijeva ihre anthroposophische Bibliothek hinterließ, und ich. Unsere Arbeit erfolgte praktisch ununterbrochen fünf Jahre lang. Wir trafen uns zwei Mal pro Woche, lesen ein Kapitel und führten Gespräche gewöhnlich bis tief in die Nacht hinein. Damals vermutete ich nicht, dass eben ich die "Wissenschaft und Wahrheit" schreiben soll. Ich hoffte, dass bis Ende des Jahrhunderts ihre  eingehende, selbst vom Lehrer des Platonismus geschaffte Darlegung, erscheint. Da es aber nicht geschah, musste ich im Frühjahr 1995 nach inhaltreichen Gesprächen mit Manfred Schmidt Brabant in Goetheanum und einiger schlaflosen Nächten mit scharfen Diskussionen, die in einen unparteiischen Austausch von "Gefälligkeiten" mit meinem damals noch nahen Freund Karen Svassjan in Basel übergingen, der mich "älterer Bruder in der Gnosis" nannte, nach meiner Rückkehr nach Petersburg die Darlegung von "Wissenschaft und Wahrheit" in Angriff nehmen.


29.09.1995
Sankt-Petersburg
                               

P.S. 1. Da meine nähere Umgebung diesen Text, gelinde gesagt, ohne Enthusiasmus empfang, publizierte ich ihn nicht, solange sie ihn nicht billigte. Danach vergingen aber noch siebzehn Jahre, bis ich verstand, dass nichts mehr zu erwarten ist: " Es ist an der Zeit!".



Dr. Simon S. Kikvadse
05.04.2015
Ostersonntag
Sankt-Petersburg


Vorwort:

"... in die Griechenzeit hinein die Menschheit sich so entwickelt hat, daß sie in Plato und Aristoteles aufgestiegen ist zu einer ganz besonders hohen Ausbildung der Intellektualität der menschlichen Seele. In vieler Beziehung konnte dasjenige Wissen, das von Plato oder Aristoteles erreicht worden ist, in der späteren Zeit gar nicht überholt werden, denn es war für die Intellektualität der Menschheit damit in gewisser Beziehung ein Höchstes herangekommen. Man kann viel erkennen, wenn man dies wirklich erkennt" (6,s.28).


       

Abschnitt 1: Lieb ist mir Dr. Steiner, aber noch lieber die Wahrheit.
(Verspätete Reflexionen eines Platonikers über die Erkenntnistheorie des Aristotelismus)


"Es gibt kein Vergangenes, dass man zurücksehnen dürfte,
es gibt nur ein ewig Neues, das sich aus den erweiterten Elementen
des Vergangenen gestaltet"
Goethe

1. Für die Ermittlung von  grundsätzlich wichtigsten Elementen, die wir durch Erweiterung gehörig herausbilden könnten, betrachten wir problematische Stellungen der Gnoseologie des Aristotelismus.


2. Das einzige Instrument der Forschung des "unmittelbar gegebenen Weltinhalts" in "Wahrheit und Wissenschaft " sind bekanntlich "Formen von beziehungsregeln". Aber bei seiner Anwendung zeigt sich das äuβerst schwierige Problem der Differenzierung dieses "unmittelbar Gegebenen". Verfolgen wir ihre Lösung von Dr. Steiner mit aller kritischen Bedächtigkeit. 

3. Reine Begriffe und Ideen werden von Dr. Steiner als Regeln der Verhältnisse definiert, die wir zwischen den einzelnen Elementen der Wirklichkeit herstellen, um zur Feststellung gesetzmäβiger Verbindungen zwischen ihnen zu kommen.


4. Dabei bleibt aber die Herkunft dieser einzelnen Elemente der Wirklichkeit in der kontinuierlichen Einheit der unmittelbar uns gegebenen Welt unbestimmt. Ursprünglich entstehen sie doch in "Wahrheit und Wissenschaft " nur als Annahmen: "Denn man nehme an, es seien zwei Elemente des Weltinhaltes gegeben: a und b" (1,s.38). Oder: "Denken wir uns, wir läsen irgend einen Inhalt a aus dem Weltbilde los, und ebenso einen andern b" (1,s.42). 
Und da im nachfolgenden Text irgendwelche andere Begründung der Entstehung von einzelnen Elementen fehlt, bleiben diese Annahmen, im Wesentlichen die einzige Ursache  ihrer Herkunft.
Auβerdem werden diese Annahmen der Entstehung von einzelnen Elementen aus der kontinuierlichen Einheit des Gegebenen zuerst einfach weggelassen, und danach ohne Erklärungen auf die Natur "Formen von beziehungsregeln" übertragen.


5. So wird die Annahme der Entstehung von einzelnen Elementen von Dr. Steiner bereits bei Beschreibung des Erkenntnisprozesses weggelassen: "Es werden zunächst gedanklich gewisse Einzelheiten aus der Gesamtheit des Weltganzen herausgehoben. Denn im Gegebenen ist eigentlich kein Einzelnes, sondern alles in kontinuierlicher Verbindung" (1,s.41). 

6. Die Übertragung der Differenzierungsfunktion des Weltinhaltes auf die Natur "Formen von beziehungsregeln" erfolgt folgender weise: "Kant schwebte diese von uns abgeleitete Tätigkeit des Denkens zum Behufe der systematischen Gliederung des Weltinhaltes... " (1,s.41).


7. Aus dem Dargelegten ist offensichtlich, dass die gedankliche Hervorhebung von gewissen Einzelheiten, ihre Korrelation miteinander entsprechend den durch das Denken erzeugten Formen der Regeln einleitet, ist aber kein Ergebnis ihrer Anwendung.
Es ist klar, dass das Denken in Form von reinen Begriffen und Ideen zur Forschung von gegenseitigen Verhältnissen der bereits hervorgehobenen Einzelheiten verwendet werden kann. Unverständlich ist nur die Herkunft der  letzteren.
"Die gedankliche Hervorhebung von gewissen Einzelheiten aus der Gesamtheit des Weltganzen" bleibt inzwischen vom Dr. Steiner unformalisiert und wird von ihm als ein selbstverständlicher und einer Formalisierung nicht bedürftiger Akt des Denkens vorgelegt, dessen Ergebnisse - "gewisse Einzelheiten" - weiterhin entsprechend "den Formen der Regeln der Verhältnisse"
                                                                                                                                 
8. Wenn also im vierten Fragment die gedankliche Hervorhebung von Einzelheiten den Verlauf ihrer Korrelation miteinander entsprechend den Formen der Regeln nur einleitet, ist aber kein Ergebnis ihrer Anwendung, dann nachfolgend - dient sie schon für systematische Teilung des Weltinhaltes.


9. Und da der Grund, aus welchem Kant "glaubt, aus den Regeln, nach denen sich diese Synthesis vollzieht, lassen sich die Gesetze a priori der reinen Naturwissenschaft ableiten"(1,s.42), im Text von "Wahrheit und Wissenschaft" nicht erörtert bleibt, erscheint auch bei Dr. Steiner eine Bedeutungsaberration im Geiste der kantischen Auffassung reiner Begriffe als "richtiger Verbindungen" zwischen Erscheinungen, nicht aber als "Regeln der Verhältnisse", nach deren Herstellung zwischen "zwei oder mehreren Elementen der Wirklichkeit" wir nur Voraussetzungen für Erkenntnis des sich hieraus Ergebenden "durch Herstellung dieses Verhältnisses" schaffen, als möglicherweise bestehende Verbindung zwischen ihnen.                 

           
10. Dies geschieht in folgender Behauptung von Dr. Steiner: "Alle Erkenntnisse beruhen darauf, daβ der Mensch zwei oder mehrere Elemente der Wirklichkeit in richtige Verbindung bringt und das sich hieraus Ergebende erfasst" (1,s.41).
Aber was kann sich noch daraus für die Erkenntnis des Menschen ergeben, wenn die Elemente der Wirklichkeit in "richtige Verbindung untereinander" gebracht sind?
Unverständlich ist allerdings, wieso es ihm gelingt, dies zu tun, wenn der Kontext der behandelten Bestimmung im Auge behalten wird.

                                                      
11. Aus dem Kontext folgt, dass der Mensch durch seine Denktätigkeit die Elemente der Wirklichkeit in richtige Verbindung zueinander nicht bringt, sondern nur Voraussetzungen für die Offenbarung vieleicht existierender, und vielleicht nicht existierender Verbindung zueinander, schafft:
"Dadurch, dass das Denken einen Bezug zwischen zwei abgesonderten Partien des Weltinhaltes herstellt, hat es gar nichts von sich aus über dieselben bestimmt. Es wartet ja ab, was sich infolge der Herstellung des Bezuges von selbst ergibt. Dieses Ergebnis erst ist eine Erkenntnis über die betreffenden Teile des Weltinhaltes" (1d,s.41).

                                 
12. Es sei auch erwähnt, dass die Regeln der Verhältnisse vom Dr. Steiner nicht nur für die Erkenntnis von Verbindungen zwischen einzelnen Elementen der Wirklichkeit, sondern auch für die Herstellung von Verhältnissen zwischen ihnen, verwendet werden: "Denn man nehme an, es seien zwei Elemente des Weltinhaltes gegeben: a und b. Soll ich zwischen denselben ein Verhältnis aufsuchen, so muss ich das an der Hand einer inhaltlich bestimmten Regel tun" (1,s.38); oder ich muss finden, "ob es nun das Verhältnis der Sonnenwärme zum erwärmten Stein..."(1,s.55); oder "alle Dinge in ihren Verhältnissen zueinander bestimmt" (1,s.55) sind?
Klären wir, mit gewisser Bedächtigkeit, was ich denn in diesen Beispielen tun soll. Ich muss "ein Verhältnis aufsuchen" zwischen zwei und mehreren Elementen der Wirklichkeit mit Hilfe einer inhaltlich bestimmten Regel der Verhältnisse.
Aber ich kann es nicht tun, da in den angeführten Beispielen keine Verhältnisse zwischen den Elementen des Weltinhaltes vorhanden sind, und das kann nicht  sein! Was für "Verhältnis der Sonnenwärme zum erwärmten Stein..." kann aber sein oder auf welche Weise kann ich "alle Dinge in ihren Verhältnissen zueinander" bestimmen?
Hier liegen nur die Zusammenhänge vor, die durch die  Festlegung der Regeln der Verhältnisse zwischen ihnen im Inhalt der Erkenntnis, aber nicht im Inhalt der Welt, erfasst werden. Und durch die Einführung der gegenständlichen Spezifik in die "empirischen Inhalt noch ganz freie" "Natur reiner Begriffe und Ideen", vergreifen wir uns unwillkürlich an ihrer Reinheit.


13. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass auβer der in Form von Regeln der Verhältnisse, abgeleiteten Tätigkeit des Denkens im Erkenntnisprozess, der in "Wahrheit und Wissenschaft" beschrieben ist, Dr. Steiner nichts mehr in Verfügung hat. Dem entsprechend, gibt es bei ihm eben nichts, um diese kontinuierliche Einheit  zu differenzieren.  
                                                                 

14. Es erregt Staunen, dass die in "Wahrheit und Wissenschaft" angeführten Beispiele der Regeln der Verhältnisse in sämtlichen Fällen nur auf die Regeln der Kausalität beschränkt sind.


15. Jetzt aber müssen wir Klarheit über die Erfassung reiner Begriffe und Ideen als Grundlagen des Erkenntnisprozesses in "Wahrheit und Wissenschaft" schaffen. Dr. Steiner definiert sie folgenderweise: ("Unter Begriff verstehe ich eine Regel, nach welcher die zusammenhanglosen Elemente der Wahrnehmung zu einer Einheit verbunden werden. Kausalität z. B. ist ein Begriff. Idee ist nur ein Begriff mit gröβerem Inhalt. Organismus, ganz abstrakt genommen, ist eine Idee") (1,s.37).


16. Es ist interessant zu wissen, warum der Unterschied zwischen dem Begriff und der Idee nur einen quantitativen Charakter hat: "Idee ist nur ein Begriff mit gröβerem Inhalt" (1,s.37).
Während der Begriff "reiner Inhalt" der ihm entsprechenden Erscheinungen oder Prozesse ist, und die Idee ist "reine Form" dieser Entsprechungen.  Der Unterschied zwischen ihnen hat einen qualitativen Charakter.  Wenn der Begriff uns erlaubt, die Gesamtheit der Vorstellungen der ihm entsprechenden Erscheinungen oder Prozessen konsequent zu umfassen, dann erlaubt uns die Idee, sie gleichzeitig und ganzheitlich, in dynamisch standfester Form zu umfassen, wegen der Dynamisierung der Vorstellungen dieser Entsprechungen durch "exakte sinnliche Phantasie" (Goethe). Ausführlich ist es von mir im zweiten Kapitel von "Wissenschaft und Wahrheit" beschrieben.                                  
                                                                                             
                                           
17. Das Problem der Differenzierung der kontinuierlichen Einheit des Weltinhaltes  sogar nach der Übertragung von Dr. Steiner auf "die Regeln der Verhältnisse" bleibt also innerhalb der Abhandlungen der "Wahrheit und Wissenschaft" ungeläst. Deswegen wird dieses Problem von Dr. Steiner in seiner nachfolgenden Arbeit "Philosophie der Freiheit" neuerdings übertragen, aber diesmal in das von den Ausgangsstellen der kognitiven Tätigkeit viel weiter entferntes Gebiet reifer Ergebnisse der letzteren. Diese Übertragung des Problems der Differenzierung der kontinuierlichen Einheit des Weltinhaltes erfolgt auf die Natur des Menschen, besser gesagt,  auf die diskrete Spezifik des Funktionierens seiner Sinnesorgane, was, natürlich, am Anfang der kognitiven Tätigkeit keineswegs offensichtlich selbstverständlich sein kann. Aber dies geschieht gerade so, wenn der Begriff "Gegebenheit" durch den Begriff "Wahrnehmung" ersetzt wird. Dabei wird der Begriff " Wahrnehmung", trotz seinem allgemeingültigen Sinn, an dem auch Dr. Steiner selbst früher festhielt, mit einer gegenständlichen Bedeutung ausgestattet.
                                          

18. Die Einwände über die Rechtmäβigkeit solcher Übertragung des Problems beiseite lassend, versuchen wir, den Grund des Ersatzes des Begriffs "Gegebenes" durch den Begriff " Wahrnehmung", zu verstehen. Dies erscheint möglich bei Betrachtung der Anwendung des Begriffs "Wahrnehmung" im Text der "Philosophie der Freiheit".
Trotz strenger Beschränkung der Anwendung des Begriffs " Wahrnehmung" nur auf eine gegenständliche Bedeutung: "nicht den Vorgang der Beobachtung, sondern das Objekt dieser Beobachtung bezeichne ich mit diesem Namen"(2,s.41), wird er in der "Philosophie der Freiheit" sowohl im gegenständlichen, als auch im allgemeingültigen Sinn angewendet. So bestimmt er zugleich sowohl das Objekt, als auch den Vorgang der Wahrnehmung. Der letzteren ist die Differenzierung, wie bekannt, entsprechend der allgemeingültigen Bedeutung, von Natur des Begriffs aus, eigen. Obwohl der Autor die Anwendung des Begriffs "Wahrnehmung" nur auf gegenständliche Bedeutung streng beschränkt.


19. So wird der Begriff "Wahrnehmung", trotz Beschränkung, von Dr. Steiner in der "Philosophie der Freiheit" quasi im "erweiterten" Sinne angewendet. Und ausschlieβlich dank solcher "Erweiterung" des Sinnes "Wahrnehmung" wird das Problem der Differenzierung kontinuierlicher Einheit des "Gegebenen" abgenommen.
Aber zusammen damit wird leider auch Anspruch auf Aufstellung einer voraussetzungslosen Erkenntnistheorie abgenommen, und es bleibt eine in der "Wahrheit und Wissenschaft" gestellte wirklich grandiose "Aufgabe, durch eine auf die letzten Elemente zurückgehende Analyse des Erkenntnisaktes das Erkenntnisproblem richtig zu formulieren und den Weg zu einer Lösung desselben anzugeben" (1,s.7), ungelöst. 


20. In der "Philosophie der Freiheit", wird, im Grunde genommen, die Linie der Forschung von ziemlich bescheidenen Problemen und Ansprüchen der "Grundlinie einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung" fortgesetzt, von der der Autor von "Wahrheit und Wissenschaft" selbst Abstand nehmen sollte, während er behauptete, dass sie "auf Grund von Untersuchungen, die sich in der Methode von den vorliegenden freilich wesentlich unterscheiden, und denen auch das Zurückgehen auf die ersten Elemente des Erkennens fehlt" (1,s.7), gebaut ist.


21.0. In der "Philosophie der Freiheit" setzt Dr. Steiner diese Linie auch inhaltlich fort, während er in der Bestimmung des "Gegebenen" zu den Stellungen der "Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung" zurückkehrt. Auβerdem muss er in der "Philosophie der Freiheit" die grundsätzlichen  Stellungen der "Wahrheit und Wissenschaft" ersetzen. In Bestätigung genügt es gegenüberzustellen, entsprechende Auszüge aus:


21.1 "Grundlinie einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung".
21.2  "Wahrheit und Wissenschaft"
21.3 " Philosophie der Freiheit"


21.1. "Zunächst können wir nur unseren Blick über die uns gegenübertretende Mannigfaltigkeit schweifen lassen.
Diese unsere erste Tätigkeit ist die sinnliche Auffassung der Wirklichkeit. Was sich dieser darbietet, müssen wir festhalten. Denn nur das können wir reine Erfahrung nennen. Wir fühlen sogleich das Bedürfnis, die unendliche Mannigfaltigkeit von Gestalten, Kräften, Farben, Tönen usw., die vor uns auftritt, mit dem ordnenden Verstände zu durchdringen. Wir sind bestrebt, die gegenseitigen Abhängigkeiten aller uns entgegentretenden Einzelheiten aufzuklären" (3,s.26,27).


21.2. "Wenn ein Wesen mit vollentwickelter, menschlicher Intelligenz plötzlich aus dem Nichts geschaffen würde und der Welt gegenüberträte, so wäre der erste Eindruck, den letztere auf seine Sinne und sein Denken machte, etwa das, was wir mit dem unmittelbar gegebenen Weltbilde bezeichnen...d. i. jenem Weltbilde, das dem Menschen vorliegt, bevor er es in irgendeiner Weise dem Erkenntnisprozesse unterworfen hat, also bevor er auch nur die allergeringste Aussage über dasselbe gemacht, die allergeringste gedankliche Bestimmung mit demselben vorgenommen hat. Was da an uns vorüberzieht, und woran wir vorüberziehen, dieses zusammenhanglose und doch auch nicht in individuelle Einzelheiten gesonderte Weltbild, in dem nichts voneinander unterschieden, nichts aufeinander bezogen ist, nichts durch ein anderes bestimmt erscheint: das ist das unmittelbar Gegebene" (1,s.30,31)


21.3. Wir müssen uns vorstellen, dass ein Wesen mit vollkommen entwickelter menschlicher Intelligenz aus dem Nichts entstehe und der Welt gegenübertrete. Was es da gewahr würde, bevor es das Denken in Tätigkeit bringt, das ist der reine Beobachtungsinhalt. Die Welt zeigte dann diesem Wesen nur das bloβe zusammenhanglose Aggregat von Empfindungsobjekten: Farben, Töne, Druck-, Wärme-, Geschmacks- und Geruchsempfindungen; dann Lust- und Unlustgefühle. Dieses Aggregat ist der Inhalt der reinen, gedankenlosen Beobachtung. Ihm gegenüber steht das Denken, das bereit ist, seine Tätigkeit zu entfalten, wenn sich ein Angriffspunkt dazu findet. Die Erfahrung lehrt bald, dass er sich findet. Das Denken ist imstande, Fäden zu ziehen von einem Beobachtungselement zum andern. Es verknüpft mit diesen Elementen bestimmte Begriffe und bringt sie dadurch in ein Verhältnis" (2,s.41).
                                                                      
                                                         
22. Die von mir vorgestellten Auszüge können nur in einem einzelnen Fall in Zusammenhang gebracht werden, wenn die Begriffe der synkretischen Einheit und der Mannigfaltigkeit von Einzelheiten gleichgesetzt werden. Aber es ist leider unmöglich zu tun. Deswegen wurde die "Wahrheit und Wissenschaft" im prinzipiellen Sinne in der "Philosophie der Freiheit" nicht abgeholt und fand darin weder konzeptuelle, noch inhaltliche, noch methodologische Entwicklung, obwohl sie von Dr. Steiner als Vorspiel zur letzteren bezeichnet wurde.


23. Daher ist es offensichtlich, dass das Begreifen der unläsbaren Hindernisse, die mit dem Problem der Differenzierung des "Gegebenen" verbunden waren, Dr. Steiner zwangen, auf die in der "Wahrheit und Wissenschaft" angekündigten Aufstellung der voraussetzungslosen Erkenntnistheorie zu verzichten, und in der "Philosophie der Freiheit" zu gnoseologisch  anspruchslosen  Positionen der "Grundlinie einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung" zurückzukehren.


24. Betrachten wir die Hauptgründe, die Dr. Steiner zu unlösbaren Hindernissen bei der Lösung des Problems der "Differenzierung des Gegebenen" fürten.
Wie bekannt, wird in der "Wahrheit und Wissenschaft" der Ansatzpunkt bestimmt, der von der Erkenntnistätigkeit nicht betroffen wird, von dem aber "diese Tätigkeit eher selbst ersten Anstoβ erhält". Und da womit angefangen sein soll, auβer Erkennens liegt, kann es selbst kein Erkennen sein, aber schon der nächste Schritt, der daraus unternommen wird, ist Erkenntnistätigkeit. "Die Art nun, wie dieses absolut Erste zu bestimmen ist, muss eine solche sein, dass in dieselbe nichts miteinflieβt, was schon von einem Erkennen herrührt"(1,s.30).


25. Solcher Anfang "kann aber nur mit dem unmittelbar gegebenen Weltbilde gemacht werden, d. i. jenem Weltbilde, das dem Menschen vorliegt, bevor er es in irgendeiner Weise dem Erkenntnisprozesse unterworfen hat..."(1,s.30).
Und dieses unmittelbar Gegebene "muss eben vorausgesetzt werden"(1,s.33). Die Aufgabe des wissenschaftliche Erkennens erfüllt sich aber durch "In das Wesen dessen einzudringen, was hier von uns vorausgesetzt wird,..."(1,s.33).
                                                             

26. Zugleich, bemerkt Dr. Steiner: "Alle Schwierigkeit in dem Begreifen des Erkennens liegt darinnen, dass wir den Weltinhalt nicht aus uns selbst hervorbringen. Wärden wir das, so gäbe es überhaupt kein Erkennen. Eine Frage für mich kann durch ein Ding nur entstehen, wenn es mir "gegeben" wird" (1,s.35-36).

                                                    
27. Demgemäβ ist es nötig, zu bestimmen, wie sich denn meine Erkenntnistätigkeit auf ihren eigenen Inhalt nicht beschränkt, aber in den Weltinhalt eindringt. Demzufolge, "Wir müssten im Gegebenen irgendwo den Ort finden, wo wir eingreifen können, wo etwas dem Erkennen Homogenes liegt" (1,s.35).


28. Dr. Steiner findet im Gegebenen jedoch keinen solchen Ort. Für ihn "Der Weltinhalt als gegebener ist ja ganz bestimmungslos. Kein Teil kann durch sich selbst den Anstoβ geben, von ihm aus den Anfang zu einer Ordnung in diesem Chaos zu machen" (1,s.36).


29. Deswegen ist er gezwungen: "Da muss also die erkennende Tätigkeit einen Machtspruch tun und sagen: so und so muss dieser Teil beschaffen sein" (1,s.36).  Und ihn in Form "reiner Begriffe und Ideen" selbst schaffen. Und diese Schöpfung schon mit der Bedeutung des Gegebenen ermächtigen.


30. Selbstverständlich, dass diese Schöpfung den an den Startpunkt des Erkennens stellenden Anforderungen entspricht. Sie wird zugleich Manifestation der Wendung ursprünglicher Erkenntnistätigkeit, die früher strebte, sich auf ihren eigenen Inhalt nicht zu beschränken, aber einen Angriffspunkt im Weltinhalt suchte. Die letztere aber nicht gefunden, verändert Dr. Steiner ohne jede Erklärung die Wendung Ausgangserkenntnistätigkeit auf solche Weise, dass "der Inhalt der Welt selbst in diese Tätigkeit eingeht" (1,s.36).


31. Von diesem Zeitpunkt der Forschung an wird die Suche des Zusammenhanges des Erkenntnisinhalts und des Weltinhalts fortgesetzt, aber schon in jedoch entgegengesetzter Richtung.
Die Regeln der Verhältnisse, die von der Erkenntnistätigkeit aus ihrem eigenen Inhalt hervorgebracht werden, stellen gerade diejenige Formen dar, zu denen der Weltinhalt selbst gehört, und dabei mögliche Beziehungen zwischen zwei abgesonderten Teilen dieses Inhaltes aufweist.
So setzt sich ursprüngliche zentrifugale Tendenz des Eindringens des Erkenntnisinhaltes in den Weltinhalt in eine zentripetale, "den Inhalt der Welt selbst" in den Erkenntnisinhalt einbettende, um.
Aber auch in diesem Fall bleibt das Problem der Differenzierung des unmittelbar gegebenen Weltinhaltes ungel?st, das, wie erwähnt, vonm Dr. Steiner in der "Philosophie der Freiheit" durch den Ersatz  des Begriffs "Gegebenheit" durch den Begriff "Wahrnehmung" behoben wird.
                                                                                                           

32. In der "Philosophie der Freiheit" wird nicht nur der Begriff des Gegebenen durch den Begriff der Wahrnehmung ersetzt, es wird auch die Begriffsbestimmung des Gegebenen ersetzt (S. 21.3): aus kontinuierlicher Einheit des Weltinhaltes  übergeht es in "nur das bloβe zusammenhanglose Aggregat von Empfindungsobjekten" (2,s.41), verändert sich auch der Angriffspunkt der Erkenntnistätigkeit und die Richtung der Erkenntnistendenz.
Die letztere kehrt wieder zur Suche des Ansatzpunktes des Erkenntnis-Inhalts im Welt-Inhalt zurück, in dem das Denken seine Tätigkeit entfalten kann.
Aber diesmal wird die Beschreibung der erfolglosen Suche eines Ansatzpunktes der Erkenntnistätigkeit, dem in der "Wahrheit und Wissenschaft" das ganze Kapitel gewidmet ist, in einen Satz zusammengezogen, in dem die Tatsache seiner Existenz in der Erfahrung einfach festgestellt wird: "Die Erfahrung lehrt bald, dass er sich findet" (2d,s.41).
Das ist alles hier!


33. So sind wir zum Grund der Entstehung unlösbarer Hindernisse bei der Lösung des Problems der Differenzierung des Gegebenen in der "Wahrheit und Wissenschaft" nahe gekommen. Aber bevor wir ihn untersuchen können, betrachten wir noch  eine Stelle aus "Wahrheit und Wissenschaft": "Wäre alles wirklich nur gegeben, dann müsste es beim bloβen Hinausstarren in die Auβenwelt und einem völlig gleichwertigen Hineinstarren in die Welt unserer Individualität sein Bewenden haben. Wir könnten dann die Dinge höchstens als Auβenstehende beschreiben, aber niemals sie begreifen. Unsere Begriffe hätten nur einen rein äuβerlichen Bezug zu dem, worauf sie sich beziehen, keinen innerlichen" (1,s35).

                                                                         
34. An dieser Stelle wird von Dr. Steiner die Tatsache des Entstehens der "Begriffe" und "worauf sie sich beziehen", als Ergebnis des "bloβen Hinausstarrens" in die Auβenwelt und in die Welt unserer Individualität, festgestellt.
Aber, in diese Tatsache weiter nicht eindringend, bleibt er bei der Überzeugung, im Bereich des Gegebenen "können wir nirgends einen Ansatzpunkt finden, an den wir anknüpfen könnten, um von da aus das Erkennen weiterzuspinnen" (1d,s.35).
Und er schafft diesen Ansatzpunkt selbst, durch seine eigene Denktätigkeit.     


35. Das Problem der wirklichen Erkenntnis wird, natürlich, bloβ im Wege der Erreichung rein äuβerlicher Verhältnisse der Begriffe, wozu sie sich verhalten, nicht gelöst.
Aber dies rechtfertigt die Geringschätzung gegenüber "rein äuβerlichen Verhältnissen" gar nicht, die sich in der "Philosophie der Freiheit" in der Bestimmung des Unterschieds des vorbewussten und bewussten Denkens deutlich tritt: "Man sollte nur nicht verwechseln: "Gedankenbilder haben" und Gedanken durch das Denken verarbeiten. Gedankenbilder können traumhaft, wie vage Eingebungen in der Seele auftreten. Ein Denken ist dieses nicht"(2d,s.26).

Obwohl etwas früher in demselben Kapitel Dr. Steiner eine Unrechtmäβigkeit solcher Bestimmung bemerkt, die dem vorbewussten Denken des Menschen einen Status des Denkens beraubt: "Wenn man das vorbewusste Denken von dem nachher bewussten Denken unterscheidet, so sollte man doch nicht vergessen, dass diese Unterscheidung eine ganz äuβerliche ist, die mit der Sache selbst gar nichts zu tun hat" (2d,s.24).
Das eine ist richtig in Bezug zu dem, was das Denken uns für die Welterkenntnis leistet, das andere für die Erkenntnis des Denkens selber.


36. Die Untersuchung dieses Widerspruchs entdeckt das Haupthindernis in der Lösung des Problems der Differenzierung kontinuierlicher Einheit des Gegebenen. Nicht unbedeutend ist, dass es aus Grundlagen der Gnoseologie des Aristotelismus, die sich in ihrer wahren Form noch in der Zeit der Scholastik herausbildeten, hervorkommt. Die Väter der Scholastik, und insbesondere Sankt Thomas Aquinas, bestimmten das vorbewusste Denken als "intentio prima". Die Bedeutung von "intentio prima" im Erkenntnisprozess begreifend, kämpften sie bloβ gegen seine Verabsolutisierung von arabischen Weisen. Dementsprechend ist ihre bekannte Vernachlässigung von "intentio prima" leicht erklärlich. Auβerdem ist sie durch die vor ihnen gestellte Aufgabe der Überwindung des passiven Mediumismus des vorbewussten Denkens durch die Aktivität des bewussten Denkens - "intentio secunda"-, gerechtfertigt. Aber wie muss man heute die Vernachlässigung dieser Form des Denkens bei Beschreibung eines "die letzten Elemente Analyse"  erreichenden Erkenntnisprozesses rechtfertigen?
Dies bleibt ein Rätsel der Philosophie von Dr. Steiner.


37. Aber ohne Berücksichtigung der Natur und Spezifik des vorbewussten Denkens, das "wir erst unbewusst in die Dinge hineinweben"(2,s.24), wird die Beschreibung der Differenzierung der kontinuierlichen Einheit des Weltinhaltes äuβerst schwierig, und das Aufstellen der voraussetzungslosen Erkenntnistheorie ganz unmöglich. Nur die Untersuchung der Genese und Spezifik des vorbewussten Denkens im Prozess der Erkenntnistätigkeit führen uns zum Verständnis für Denkmechanismen der Differenzierung kontinuierlicher Einheit des Gegebenen.  
                                             
                                                                                                                     
38. Nur in seiner letzten Arbeit zur Erkenntnistheorie "Goethes Weltanschauung" entdeckt Dr. Steiner zusammen mit den bereits von ihm  angesehenen Grundelementen des Erkennens: Beobachtung und Denken, - ein drittes Grundelement, das die Polarität in den Beziehungen der Ideen- und Erfahrungswelt, erlaubt. Und dieses dritte Element ist die Sprache.


39.Es ist bezeichnend, dass er sie in der Aussage von Goethe bei der Beschreibung des platonischen Aspektes der Goethes Weltanschauung findet: "was das gesunde menschliche Empfinden in jedem Augenblicke lehrt: wie die Sprache der Anschauung und des Denkens sich verbinden, um die volle Wirklichkeit zu offenbaren, das wurde von den grübelnden Denkern nicht beachtet. Statt hinzusehen, wie die Natur zu dem Menschen spricht, bildeten sie künstliche Begriffe  über das Verhältnis von Ideenwelt und Erfahrung aus" (4d,s.16,17).


40. Aus der obigen Aussagen Goethes offensichtlich, dass das Erkennen der vollen Wirklichkeit nur auf künstliche Begriffe  über das Verhältnis von Ideenwelt und Erfahrung nicht begrenzt ist, wie dies vom Dr. Steiner in vorherigen Arbeiten zur Erkenntnistheorie angesehen wurde, aber es ist durch Sprache aufgefüllt, die eine künstliche Kontroverse der Polaritäten in allen Schnittpunkten, in entsprechenden Formen der Sinnobjektivierung, entscheidet.
                                       

41. Die Untersuchung der Spezifik der Objektivierung in der Sprache von Wechselbeziehungen der Beobachtung und des Denkens im Erkennen der vollen Wirklichkeit bestimmt eben, im Grunde genommen, die Aufgabe unserer Forschung. Gnoseologie der vollen Wirklichkeit kann und muss bestimmt sein als Gnoseologie des Platonismus, in der aus dem Zusammenklang einzelner Töne - Beobachtung und Denken, - als Intervall sie erzeugender Erreger - Sprache - ausführt. Darin erreicht jeder von den einzelnen Tönen des Zusammenklanges eine Sinnobjektivierung sowohl in Hinsicht der Differenzierung des Inhalts der kontinuierlichen Einheit des Gegebenen (intentio  prima), als auch in Hinsicht der Synthese des bewussten Denkens (intentio  secunda).


42. Aber diese von uns in der Sprache zu erreichende Sinnobjektivierung, sowohl des Inhalts der Beobachtung, als auch des Inhalts des Denkens, muss kontinuierlich von ihrer möglichen Auflösung im Ausgangsinhalt zurückgehalten werden, denn wenn dies im Inhalt der Beobachtung geschieht, so werden die Beobachtungen unklar, wenn aber dies im Inhalt des Denkens geschieht, so verschwinden die Worte, mit denen man Begriffe ausdrücken kann. Denn "die Sprache ist nicht nur ein Mittel für Ausdruck des Gedankens, sondern auch für ihre Bildung, nicht nur ein Mittel für den Ausdruck der Beobachtung, sondern auch ihr summierendes Prinzip. Um die Bewegung des Gedankens einzufangen, um die Beobachtung wahrzunehmen, müssen wir sie in der Sprache objektivieren." (5,с.154).

Und alles, was wir in der Sprache nicht objektivieren konnten, ist im Grunde genommen, für uns nicht existiert, denn der unsere Sprache anregende Impuls ist Impuls, der unsere Innen- und Auβenwelt errichtet. Er differenziert und synthetisiert den Inhalt unserer Beobachtung und unseres Denkens. Der Mensch, der ihn fand, wird selbst ein Wort. Er gibt Namen sowohl den Schöpfungen, als auch dem Schöpfer.


43. Dr. Steiner erreicht diese Erkenntnis während der Arbeit an der "Goethes Weltanschauung", und kehrt nicht mehr zurück, um Korrekturen in seine früheren Werke einzubringen, aber strebt in diese neue Welt*, beginnt daraus zu sprechen.
Und fortan was er sagte, vom Logos selbst gesagt ist. Es ist der Ausdruck Seiner Sprache. Es steht auβer Zweifel und Kritik, denn Es ist Offenbarung!



*"Brüder, ich halte mich selbst nicht dafür, es ergriffen zu haben; eines aber tue ich: Vergessend was dahinten, und mich ausstreckend nach dem, was vorn ist, jage ich, das Ziel anschauend, hin zu dem Kampfpreis der Berufung Gottes nach oben in Christo Jesu" (Der Brief des Apostels Paulus an die Philipper 3.13,14).





Abschnitt 2: Gnoseologie des Platonismus
(Grundlagen der Offenbarung der vollen Wirklichkeit)

"was das gesunde menschliche Empfinden in jedem Augenblicke lehrt:
wie die Sprache der Anschauung und des Denkens sich verbinden,
um die volle Wirklichkeit zu offenbaren,"
Goethe

1. Ich versuche, die Gnoseologie des Platonismus kurz zu beschreiben. Ich werde mit der Betrachtung der Herkunft des Begriffs beginnen. Der Begriff entsteht folgenderweise.
Wenn wir in der Kindheit irgendwelche Erscheinung beobachten, nehmen wir den Fall der Rose, entsteht parallel in unserem Denken die Frage: "Was ist das?" Die Erwachsenen antworten uns darauf: "Das ist Rose".
Und das Wort "Rose" verbindet in unserem Bewusstsein, wie Intervall, den Zusammenklang von zwei Tönen - der Beobachtung der Erscheinung und des Denkens darüber, - somit unsere Vorstellung von der Erscheinung bildend.
Dann beobachten wir eine andere Erscheinung, und in unserem Denken entsteht dabei dieselbe Frage. Die Erwachsenen antworten uns darauf: "Das ist Rose". Und auf oben beschriebene Weise wird unsere Vorstellung von der Erscheinung gebildet. Obwohl sich die letzte Vorstellung von der vorherigen unterscheidet, begreifen wir darin die Übereinstimmung mit der vorherigen durch den Namen: "Das ist Rose".
So entstehen in unserem Bewußtsein zwei gleichnamige und zugleich verschiedene Vorstellungen von der Erscheinung.


2. Ferner nimmt die Zahl der gleichnamigen Vorstellungen der Rose unbeschränkt zu. Wenn wir aber sie zu verallgemeinern versuchen, verliert unser Bewußtsein alle konkreten Formen dieser Vorstellungen. Dasselbe geschieht, wenn wir Saft aus Rosen ziehen. Wir erhalten somit ihren Inhalt, aber verlieren dabei die ihnen entsprechenden konkreten Formen. Und ähnlich dem aus den Rosen gezogenen Inhalt wird aus dem allgemeinen Inhalt der Vorstellungen der Rose in unserem Bewusstsein der Begriff "Rose" gezogen.
So ist der Begriff "Rose" als der Reine Inhalt der Erscheinung ohne entsprechende konkrete Form zu bestimmen.


3. Eigentlich sind auch alle anderen Erscheinungen durch endlos viele Übereinstimmungen für uns dargestellt. Einzeln genommen sind sie nicht in der Lage, unseren kognitiver Anfang, auf der Suche nach Perfektion von einer Übereinstimmung der Erscheinung zu einer anderen strebend, zu erfüllen. Die Suche, die im besten Fall zur Gesamtheit von konsequent begreifenden Übereinstimmungen führt.
Nur im Laufe der Zeit beginnen wir zu verstehen, dass wir alle Vorstellungen von allen Übereinstimmungen der Erscheinung auf natürliche Weise niemals in ihrer Ganzheit erfassen können. Dazu brauchen wir die Kunst, die uns Möglichkeit gibt, die Unendlichkeit zu erfassen, deren Grundlagen P.Abelyar und R. Lullius legten.


4. Zur ganzheitlichen Erfassung der Übereinstimmungen von beliebiger Erscheinung müssen wir uns sie gleichzeitig vorstellen und dynamisieren durch "exakte sinnliche Phantasie" (Goethe).  Die Dynamisierung verlangt von uns keine Vorstellungen von allen Übereinstimmungen der Erscheinung. Einige werden ausreichen. Die Übrigen zeigen sich quasi selbst bereits im Laufe von Dynamisierung, während sie Zwischenpositionen anfüllen. Die Dynamisierung der Vorstellungen erlaubt uns, die Erscheinung errichtende Idee mit dem Verstand zu sehen (R. Steiner). Ferner muss man sie nur im Kopf festhalten (Abelyar) in einer ganzheitlichen, dynamisch festen Form. 
Wir erfassen also eine Unendlichkeit, indem wir alle Vorstellungen von allen Übereinstimmungen der Erscheinung gleichzeitig zusammen umgreifen. Und dann eröffnet sich uns das Verborgene Torso von Isis. Dichte Decke fällt zu ihren Füßen, so dass sie das Geheimnis des göttlichen Schoßes sehen lässt.


5. Die Idee in Übereinstimmung mit der modernen Erkenntnistheorie stellt eine "reine Form" (P.W. Kopnin) dar, die vom Vorübergehenden und Zufälligen frei ist.
Die ideelle Form der Erscheinung kann heruistisch begriffen werden, in einer unendlichen Menge beobachtenden greifbaren Gestalten der Übereinstimmung umfassend.
Aber dafur muss man das Denken auf Elementaraufgaben, die das Subjektivismus in der Losung nicht zulassen, entwicklen.
Solches Denken, im Gegensaz zum medialen, unbewussten Denken - "intentio prima", ist personliches oder bewusstes Denken "intentio secunda".


6. Als Elementaraufgabe betrachten wir den Vorgang der denkenden Wahrnehmung, bzw. des Sehens mit dem Verstand, der ideellen Form der Erscheinung, die eine begrenzte Zahl von Übereinstimmungen besitzt. Dieser Erscheinung kann beispielsweise das Dreieck zugeordnet werden.
Der Inhalt des Begriffs "Dreieck" bestimmt eine geometrische Figur, die aus drei Winkeln besteht, die bei ihrer beständigen Summe nur drei Abarten der Formen seiner Übereinstimmung bildet: spitzwinklige, rechtwinklige und stumpfwinklige.
Wenn wir uns alle diese Formabarten gleichzeitig vorstellen und sie aus einer in die andere durch unsere "exakte sinnliche Phantasie" transformieren lassen, so entdecken wir in unserem Bewusstsein eine dynamisch feste ideelle Form oder Transform des Dreiecks - Ellipse:


                                                              





7. Analog begreifen wir ideelle Formen oder Transformen von Prozessen unserer Umwelt. So, zum Beispiel, beobachten wir in einem fliegenden Ball oder Stein nicht nur ihre Trajektorie, sondern auch die ideelle Form dieser Trajektorie - eine Parabel, und werden in ähnlichen Fällen sie immer voraussehen können.
Goethe warnte vor einer willkürlichen Interpretation ideeller Formen, indem er behauptete, dass für die Erklärung es reicht, auf sie nur zu deuten!


8. Also wenn wir den Begriff der Erscheinung oder des Prozesses als der Reine Inhalt bestimmen, der eine konkrete Form der Übereinstimmung nicht besitzt, dann bestimmen wir ideelle Form der  Erscheinung oder des Prozesses als reine Form, bzw. als reines formbildendes Feld, in dem, ohne Übertreibung, das beliebige damit gekoppelte Problem gestellt und gelöst werden kann.


9. Es gibt keine andere Erkenntnistheorie, die solch ein bedeutendes gnostisches Potential wie Gnoseologie des Platonismus hätte, die von der Beobachtung der Erscheinungen und Prozesse der Welt der zweiten und sogar der ersten Natur, zu ihren Ideen ersteigt, und die dadurch erlaubt, diese Erscheinungen und Prozesse nicht nur zu prognostizieren, sondern auch zu transformieren.


10. Dazu muss man jedoch die Mechanismen der ideellen Transformation dieser Erscheinungen und Prozesse beherrschen, die wegen ihrer möglichen egoistischen Verwendung nicht offen besprochen werden können. Sie sollen nur in Form von esoterischen Unterrichten erlernt werden. Ich bin bereit zur Durchführung von solchen Unterrichten nur mit solchen Individualitäten, für die ich Verantwortung tragen kann.



Literatur:
1. Steiner, Rudolf. Wahrheit und Wissenschaft. Dornach, 1958.
2. Steiner,Rudolf. Die Philosophie der Freiheit. Dornach (CH). Rudolf-Steiner-Verlag, 1958.
3. Steiner, Rudolf. Grundlinie eine Erkenntnistheori der Goetheschen Weltanschauung. RSV. 2003.
4. Steiner, Rudolf. Goethes Weltanschauung. Dornach (CH). Rudolf-Steiner-Verlag, 1963.
5. А.А. Потебня. Мысль и язык. - Одесса, 1862. (A.A. Potebnja. Denken und Sprache. - Odessa, 1862.)
6. Steiner, Rudolf. Aus der Akasha-Forschung Das Funfte Evangelium.RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ. 1985.








Die Übersetzung ins Deutsche machte Frau Nina Fedorova





Wissenschaft und Wahrheit